Sorgerecht: Betreuungsmodelle im Widerstreit

Wohnmodelle im WiderstreitDarf oder muss ein Kind nach der elterlichen Trennung bei beiden gleichermaßen wohnen? Der Europarat macht Vorschläge zum Sorgerecht. Zunächst einmal die Fakten:

  Nach wie vor verbleiben Kinder nach der Trennung zu 89 Prozent bei den Müttern bzw. werden den Müttern zugesprochen.
  Über 40 Prozent der Väter verlieren nach der Trennung jeglichen Kontakt zu ihren Kindern.
  Viele Erwachsene bedauern im Nachhinein den gekürzten oder ganz fehlenden Umgang mit ihren Vätern. Einige sehen sich gar veranlasst, sich in therapeutische Hände zu begeben, um mit dem Mangel im Leben zurecht zu kommen.

So beschreibt eine inzwischen erwachsene Frau in der ZEIT (14. Januar 2016, S.13) ihren langen Leidensweg, der darauf zurückzuführen war, dass es ihr verwehrt blieb, den richtigen Vater kennenzulernen. Und das, obwohl sie in einer „intakten“ Familie groß geworden ist und einen sozialen Vater hatte.

Ringen um das richtige Betreuungsmodell

Ein nicht unerheblicher Faktor in dieser Frage ist der Umstand, dass in Deutschland in der Regel das Residenzmodell, und nicht das Nest- oder Wechselmodell gelebt bzw. angeordnet wird. Neuen Schwung bekommt die Diskussion durch eine Empfehlung des Europarats, das Wechselmodell im Trennungsfall zum Standard zu machen. Im Anschluss daran liegt sogar der FDP für den Bundesparteitag ein Antrag vom Hamburger Landesverband vor, wonach das Wechselmodell als vorrangige Betreuungsvariante gesetzlich zu verankern sei (vgl. Welt am Sonntag, 27. März 2016, S.5).

Von einer gleichberechtigten Kinderbetreuung können wir hier nur träumen. In der BR-Sendung „Jetzt mal ehrlich: Mama betreut, Papa bezahlt – ist das noch zeitgemäß?“ (vom 22.2.2016) ging der Reporter Rainer Maria Jilg der Frage nach, warum ein Kurswechsel in Deutschland auf so große Widerstände stößt.

Zur Sprache kam u.a. Hans-Peter Dürr, der „Erfinder“ des sogenannten Cochemer Modells. Er will dem Leidensdruck eines „entsorgten“ oder gemobbten Elternteils durch eine Mediation zuvorkommen, bei welcher Vater und Mutter ein einvernehmliches Modell selbst erarbeiten sollen. Ein Problem entsteht, wenn sich einer weigert, diese Mediation mitzutragen. Und dann ist die entscheidende Frage: Was nun? Die bisherige und gängigste Lösung sieht vor, das Residenzmodell – auch gegen den Willen des Vaters – anzuordnen.

Vor allem Mütter fürchten bei der Einführung eines Wechselmodells die Einbuße ihrer Privilegien, die es ihnen erlauben, durch Ausgrenzen des Vaters die Kinder – und natürlich die dazugehörigen Unterhalte(!) – für sich zu beanspruchen. Das geschieht notfalls auch durch zweifelhafte Methoden.

Eine andere Lösung für „Mediationsverweigerer“ wäre, diesen das Sorgerecht zu entziehen, da zum Wohle des Kindes Zusammenarbeit unabdingbar und eine gemeinsame Verantwortung wahrzunehmen ist. Denn die Kinder leiden ohnehin unter der Trennung am meisten, und wenn dann ein Kampf um sie entsteht, werden sie erst richtig zu den eigentlichen Verlierern. Diesem Kampf die Schärfe zu nehmen, kann nur im Sinn des Kindeswohles sein.

„Alltag muss man leben, den kann man nicht besuchen“. Um diesen Anspruch zu leben, favorisiere ich das Nestmodell. Dieses erfordert ein Höchstmaß an Zusammenarbeit. Sobald nun klar ist, dass dies nicht anwendbar ist, wäre das Wechselmodell die zweitbeste Möglichkeit, die in Artikel 6 des Grundgesetzes garantierten gleichberechtigten Umgänge/Pflege/Erziehung der Eltern mit den Kindern zu gewährleisten.

Schließlich sind es mittlerweile sogar etliche Frauen, welche die bestehenden familienrechtlichen Ungleichheiten anprangern, z. B. Prof. Hildegund Sünderhauf, Prof. für Recht an der Evang. Hochschule Nürnberg, welche einen sehenswerten Vortrag ins Netz stellte: Forschungsergebnisse zum „Wechselmodell“ (Youtube). Auch sie sieht die besten Chancen in einer Mediation und im Wechselmodell.
Oder Jeanette Hagen („Die verletzte Tochter“, Wie Vaterentbehrung das Leben prägt, Skorpio Verlag, 2015).

Was tut ein Richter, der sich nicht sofort für eine Lösung entscheiden kann? Er beauftragt ein psychologisches Gutachten. Und was tut jetzt die Regierung, um in der Betreuungsfrage eine Entscheidung herbei zu führen? Sie gibt eine Studie zum Thema Wechselmodell in Auftrag, bei der geklärt werden soll, ob dieses auch gegen des Willen eines Elternteils angeordnet werden kann. Mit den Ergebnissen ist frühestens in zwei Jahren zu rechnen.