Jungs und Lesen

Jungs können nicht so gut lesen – ein Alltagsvorurteil. Jungs lesen weniger – eine Tatsache.

Jungs bevorzugen actionreiche “Bildschirmmedien”, während Mädchen zum klassischen Buch oder E-Book greifen. Doch Lesekompetenz ist und bleibt eine wesentliche Fertigkeit, auch im digitalen Zeitalter. Daher gibt es mehrere Projekte, die versuchen, Jungs mehr zum Lesen zu bewegen. Diese Projekte haben eine wesentliche Gemeinsamkeit, das Verbinden von sportlichen Aktivitäten mit dem Lesen.

Ein Beispiel kommt aus München, die Bibliothekarin Martina Schulz von der Münchner Stadtbibliothek hat z.B. erfolgreich Lesungen mit einem Boxtrainer in einer Kletterhalle veranstaltet. Quelle: Münchner Kirchenradio.

Ein anderes Projekt ist “Kicken und lesen” von der Hessenstiftung http://www.hessenstiftung.de/projekte/kicken-und-lesen-2014.htm. Das Stärken von Lesekompetenz über die Begeisterung zum Fußball. Hier wird gekickt, gelesen und ein Projekttagebuch selbst erstellt. Diese Idee lässt sich sicherlich in anderen Bundesländern außerhalb Hessens übernehmen, vielleicht finden sich weitere Fußballvereine, die diese Idee mitfinanzieren, wie bei der Hessenstiftung der FSV Frankfurt 1899.

In Baden Württemberg gibt es seit 1997 den sog. Frederik-Tag, urprünglich der 20. Oktober. Inzwischen ist daraus eine Lesewoche geworden, bei der sich viele Institutionen beteiligen, z.B. Schulen, Bibliotheken, Kindergärten, Volkshochschulen,Vereine usw. Woher der Name Frederik kommt, findet ihr auf der Webseite http://www.frederick.de.

Und am 21. November 2014 ist noch der 11. Bundesweite Vorlesetag http://www.vorlesetag.de. Jeder, der Lust zum Vorlesen hat, kann sich an diesem Tag einen Ort aussuchen, an dem er oder sie anderen etwas vorlesen kann. Da viele Schulen, Bibliotheken, Buchhandlungen, Kindergärten mitmachen, lohnt es sich, dort anzufragen. Aber auch das spontane Vorlesen im Park kann seine Zuhörer finden.

Wir sind jetzt ein wenig abgeschweift von der Ausgangsidee, Jungs und Lesen. Die Anregung zu diesem Blogbeitrag stammt aus dem aktuellen Manndat-Newsletter, den wir als Väterverein regelmäßig erhalten. Was mich darin störte, war ein Statement zur Lesenkompetenz von Jungen allgemein. Manndat zitiert Fr. Icken, Leiterin des Referats “Gleichstellungsstelle für Männer”, deren Aussage es war, es gibt keine relevanten geschlechterspezifischen Lesekompetenzunterschiede. Dieser Aussage wird eine Stellungnahme von Heino von Mayer, Leiter des OECD Büros in Berlin entgegengestellt. H. von Mayer schreibt: „Ich kann Ihnen ferner versichern, dass unsere Bildungsexperten auch in Interviews betont haben, dass das Geschlechtergefälle bei den Leseleistungen der Jungen genauso problematisch ist, wie bei den Mathematikkenntnissen der Mädchen.”

Wenn man das so liest, klingt es erstmal nicht sehr positiv für die Gleichstellungsstelle. Man ist geneigt, dieses Vorurteil innerlich zu bestätigen. Weiß man doch, Mädchen sind schlechter in Mathe und Jungs können schlechter lesen. Oder?

Unsinn. Bereits Psychologiestudenten im ersten Semester bekommten exakt dieses Beispiel als Lerninhalt, da es den Unterschied zwischen Alltagspsychologie mit Stereotypen und wissenschaftlicher Psychologie deutlich macht. Fakt ist, es gibt kein Geschlechtergefälle bei diesen Lernfeldern. Weder haben Mädchen mehr Probleme mit Mathematik, noch Jungs grundsätzlich weniger Lesekompetenz. Viele Studien haben dies belegt. Hier hat Fr. Icken anscheinend besseren Zugang zu den Fakten, während die Aussage von H. von Mayer leider das allgemeine Klischee bedient.

Die Jungs “muss” man allerdings öfter aktiv zum Lesen anregen, damit es mit der Lesekompetenz auch klappt…