Das Ziehen am Kind

„Der kaukasische Kreidekreis“, ein Schauspiel von Bertold Brecht, wird in familiengerichtlichen Verfahren oft zitiert. 

Warum geht es? Eine Gouverneursfrau lässt in Kriegswirren ihr Kind zurück. Eine Magd findet das Kind und zieht es groß. Als die Kriegswirren beendet sind, ist das Kind für die Erbfolge wichtig und die Mutter verlangt ihr Kind zurück. Da sich die Magd als richtige Mutter ausgibt, zieht der Dorfrichter, ein einfacher Dorfschreiber, einen Kreis aus Kreide und fordert die Mütter auf, das Kind aus dem Kreis heraus zu ziehen. Derjenigen, der es gelingt, das Kind auf ihre Seite zu ziehen, verspricht er das Kind.

Das Ziehen am Kind wird von Richtern immer dann angeführt, wenn es mit der Aufforderung verbunden wird, loszulassen, um das Kind zu schützen. Da wird dann dem Vater, der verzweifelt um sein Kind kämpft und an der bindungsintoleranten Mutter scheitert, mit tröstenden Worten angeraten, er möge doch seinen Antrag zurückziehen, weil er sich dann als der wahrhaft liebende Elternteil zeigt. 

Beim „Kaukasischen Kreidekreis“ hat nämlich der Richter, als sich die Magd weigerte, an dem Kind zu zerren, diese als wahre Mutter bezeichnet. Und genau da kippt dann der Vergleich: während nämlich der deutsche Vater zum Aufgeben seines Kindes als Akt der wahren Liebe aufgefordert wird, gibt der Dorfrichter der Hausmagd das Kind und jagt die leibliche Mutter aus dem Dorf.

Eine Amtsrichterin aus Freiburg hat in einem jüngst ergangenen Beschluss exakt darauf hingewiesen, dass der „Kaukasische Kreidekreis“ nicht angeführt werden sollte, um einen Vater zum Aufgeben zu überreden, sondern um einer Mutter aufzuzeigen, dass ein Verweigern des Umgangskontaktes ein Zerren am Kind ist. In Folge hat sie dem Vater das Sorgerecht übertragen. Und dem Jugendamt, das von der „Macht des Faktischen“ faselte und sich nur auf Kontinuität als Kindeswohlkriterium berief, eine Absage erteilt.

Ich wünsche uns allen mehr Richter vom Geiste dieser Richterin. Und dass mehr den Mut aufbringen, Dinge beim Namen zu nennen und sich nicht auf das zurückziehen, was halt mal da ist. Und dass Mutterliebe genauso viel wert ist wie Vaterliebe.